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Alexander Henschel | HASS UND BEGEHREN | KUNSTPÄDAOGISCHE FIGUREN DES DRITTEN UND IHRE DISPOSITION IN SCHULE, MUSEUM UND HOCHSCHULE

Kunstpädagoginnen und Kunstvermittlerinnen in Schule, Museum und Hochschule finden sich häufig gegenläufigen Anrufungen ausgesetzt: Je nach Standort und Feld sind die Imperative des künstlerischen Anspruchs, pädagogischer Expertise und wissenschaftlicher Informiertheit unterschiedlich verteilt und wirken dennoch als unversöhnlich wahrgenommene Zugehörigkeitsordnungen. (Vgl. Lüth/Mörsch 2015) Kunstpädagoginnen und -vermittlerinnen agieren damit als Figuren des Dritten, weisen eine hybride Disposition auf, die Nora Landkammer als »immer auf der falschen Seite stehen« beschreibt.(Landkammer/Polania 2012, S. 2018) Dabei zeigt sowohl die Geschichte des Vermittlungsbegriffs, als auch die strukturelle Kongruenz mit anderen Akteurinnen, denen Hybridität zugeschrieben wird, dass Vermittlerinnen ebenso Begehren wie Hass ausgesetzt sind (vgl. Ha 2005): Begehren, weil sie als Projektionsfläche für die Hoffnung auf Harmonisierung zwischen den ›Einen‹ und den ›Anderen‹ dienen(vgl. Akbas/Bräu/Zimmer 2013); Hass, weil sie im Verdacht stehen, sich immer schon mit der ›anderen‹ Seite solidarisiert zu haben und Verrat an Reinheitsvorstellungen – etwa der Kunst, der Pädagogik oder der Wissenschaft – zu betreiben. Damit stören sie das binäre Ordnungsprinzip, auf das Logiken der Reinheit angewiesen sind. Die Abwertung, die sie auf sich ziehen, kann als Hass auf Komplexität gelesenwerden, als gewaltvolle Zurückweisung gesellschaftlicher Ambivalenz. (Vgl. Mecheril 2003, Stögner 2014)

Dem entsprechend schlage ich vor, bei der Beschreibung der Disposition von Kunstpädagoginnen und Kunstvermittlerinnen binäre Logiken als Ordnungsprinzip selbst zurückzuweisen und stattdessen Logiken der Komplexität zu veranschlagen. (Vgl. Rucker/Anhalt 2017) Dies, weil es ebenso erkenntnistheoretisch wie politisch geboten ist, gesellschaftlicher Pluralität mit angemessenen Mitteln der Beschreibung zu begegnen.

Literatur:
Akbaba, Yalız/Bräu, Karin/Zimmer, Meike (2013): »Erwartungen und Zuschreibungen. Eine Analyse und kritische Reflexionder bildungspolitischen Debatte zu Lehrer/innen mit Migrationshintergrund«, in: Bräu, Karin/Georgi, Viola B./Karakaşoğlu, Yasemin et al. (Hg.): Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund. Zur Relevanz eines Merkmals in Theorie, Empirie und Praxis, Münster/New York/München et al.: Waxmann, S. 37-57.
Ha, Kien Nghi (2005): Hype um Hybridität. Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus, Bielefeld: transcript.
Mecheril, Paul (2003): Politik der Unreinheit. Ein Essay über Hybridität. Wien: Passagen.
Landkammer, Nora/Polania, Felipe (2012): »Atelier. Ein Dialog über die Zusammenarbeit«, in: Settele, Bernadett/MörschCarmen (Hg.): Kunstvermittlung in Transformation. Perspektiven eines Forschungsprojektes, Zürich: Scheidegger & Spiess, S.212-227.
Lüth, Nanna/Mörsch, Carmen (2015): »Queering (next) Art Education. Kunst/Pädagogik zur Verschiebung dominanter Zugehörigkeitsordnungen«. In: Meyer, Torsten/Kolb, Gila (Hg.): Whatʼs next? Art Education. München: kopaed, S. 188‒190.
Rucker, Thomas/Anhalt, Elmar (2017): Perspektivität und Dynamik. Studien zur erziehungswissenschaftlichen Komplexitätsforschung. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.
Stögner, Karin (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen, Baden-Baden: Nomos.„Hybride Selbst- und Fremdverständnisse“

Kurzvita:
Dr. Alexander Henschel ist Kunstvermittler in Theorie und Praxis, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lektor an den Universitäten Bremen und Hildesheim, als Gastprofessor an der HFBK in Hamburg und derzeit als Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Lehramtsbildung an der Universität Oldenburg.