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Notburga Karl & Charlotte Desaga |WER WAR SCHON AM ROZEL POINT IN UTAH?

Performance Lecture mit Dokumentenkamera und Überblendungsstrategien

An der Tagung zur Aesthetic Research reizt besonders, dass sie viele relevante Fragen so unvoreingenommen angeht, weswegen dieser Beitrag den Fragenkomplex zu Formen visueller (Re-)Präsentation von Forschungsergebnissen und deren Plausibilisierung über visuelle Modelle herausgreifen möchte. Dahingehend selbst gerade am (selbst)kritischsten möchten wir anhand eines paradigmatischen Vergleichs differenzierter nachdenken und dazu auch eine historische Perspektive eröffnen, die ggf. sogar methodologische Fragen zu klären hilft. Denn wenn Paradigmen helfen, neue disziplinäre Auffassungs- und Herangehensweisen zu etablieren, gerade was auch die Argumentationsweise und die Wissensbereiche betrifft, könnte dies mithilfe der methodologischen Übertragung des ‚Musterbeispiels’ (wörtlich für Paradigma) aus der empirischen Wissenschaft in den Bereich der Kunst und Kunstpädagogik gelingen, wie es Michael Lüthy plausibilisierte.(Endnote) Lüthys These dahingehend folgend, dass an Praxen der ‚Artistic Research’ die Kombination von Modellhaftigkeit und Bildhaftigkeit beobachtbar ist, kann dies am Beispiel von historischen, gleichwohl diskurserweiternden Praxen der 70er (Robert Smithson und Juan Downey) aufgezeigt werden, die ein Paradox von deren ästhetisch-künstlerischer Forschung verhandelt: einer Komplexitätsreduktion bei gleichzeitiger Komplexitätssteigerung, was über die ästhetische Argumentationsstruktur der Ähnlichkeit gelingt. Doch dazu gibt es zwei Anmerkungen: (1) welche Eigendynamik entfalten visuell gestützte Argumentationen – auch über die Zeit von 50 Jahren, und (2) welche anderen Formen als die der Kombination von Modellhaftigkeit und Bildhaftigkeit stehen hinter visuellen Argumentationslogiken?

(1) Die Dokumentation der komplexen Arbeit von Robert Smithsons Spiral Jetty (Erdskulptur, Essay und Film; ein Musterbeispiel der ‚Artistic Research’), und im Anschluss daran ihre kunstgeschichtliche Erinnerung, erfolgte technik- und diskursbedingt (nicht zugängliche Videos; Diskurs über Ausstellungskataloge etc.) über einzelne Photos. Diese können die Komplexität der Arbeit als multimediales (Ausstellungs)Display mit unterschiedlichen Formen der Bildhaftigkeit nicht ansatzweise reproduzieren. Es ist bemerkenswert, welche nachträgliche Komplexitätsreduktion mit der Rezeptionsgeschichte von Smithsons Spiral Jetty einherging. So stellt sich die berechtigte Frage, ob dies gerade an der verstärkt visuellen Argumentation innerhalb seines Land Art Projects lag – ein einziges herausgegriffenes Filmstill bzw. Foto aus der Flugzeugperspektive, unkompliziert zu verbreiten, reichte, um zur Ikone für ‚Land Art’ schlechthin zu werden. Was bedeutet das für die „Halbwertzeit“ von Forschungsergebnissen der ästhetisch-künstlerischen Forschung, wenn implizites Kontextwissen in den Diskurs und seine Darstellung eingewoben ist, und gerade nicht in kunstpädagogische Kontexte weiter transportiert werden konnte?

(2) Pierre Huyges Werk Uumwelt (2018) als zweites ‚Musterbeispiel’ erreicht den genannten Shift zwischen Bildhaftigkeit und Modellhaftkeit eher auf einer anderen Ebene: Er arbeitet mit einem Bildentzug, indem er die Bildmutationen, die aus Deep Image Reconstruction Prozessen gewonnen und aus Gehirnströmen zurück in Bildformen gebracht werden, anderen Spezies (Fliegen) ‚zu sehen’ gibt. Hier zeigt sich eine interessantere Form der Aesthetic Research, nämlich den Shift zwischen Materialisierung und Medialisierung sinnfällig werden zu lassen – die Fliegen sehen die LEDs nur als angenehm warmen Aufenthaltsort.

Endnote | Lüthy argumentiert für einen Anwendungsfeld des Paradigmenbegriffs, das Musterbeispiel aus der Kunst(geschichte), in: Michael Lüthy: Paradigmenwechsel wohin? ‚Artistic Research‘ bei Tomás Saraceno und Robert Smithson, in: Paradigmenwechsel. Wandel in den Künsten und Wissenschaften, hrsg. von Andrea Sakoparnig, Jürgen Bohm und Andreas Wolfsteiner, Berlin 2014, S. 223-245, vgl. dazu: Thomas S. Kuhn, „Neue Überlegungen zum Begriff des Paradigmas“, in: ders., Die Entstehung des Neuen. Studien zur Struktur der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt/Main 1978, S. 389– 420, hier: S. 390, ders., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main 1976, S. 25 und S. 53.

Kurzvita:
Notburga Karl ist künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Didaktik der Kunst, Universität Bamberg, mit Forschungsschwerpunkten zur Performanz und Responsivität nonverbaler Wissensformen, zu künstlerischer Kunstvermittlung und deren Beforschung. Sie hat Freie Kunst und Kunstpädagogik an der Akademie Düsseldorf und München studiert und war Meisterschülerin von Jannis Kounellis; als Künstlerin, Kunstpädagogin und Kuratorin sieht sie sich als Entwicklungs- und Instandhaltungsarbeiterin.

Charlotte Desaga ist Expertin für zeitgenössische Kunst in Berlin. Nach ihrem Diplom an der Kunsthochschule für Medien Köln (2005) und mehrjähriger Tätigkeit als Galeristin (non-profit 2004-2007, for profit 2009-2013) hat sich ihre Karriere in Richtung kuratorischer und strategischer Planung sowie Beratung und Fundraising in der internationalen Kunstwelt weiterentwickelt. Desaga arbeitet sowohl mit privaten Sammlern als auch mit gemeinnützigen Organisationen und Stiftungen zusammen. Sie ist die Leiterin der St. Moritz Art Academy (Schweiz) und plant dort seit 2013 das Stipendienprogramm. Seit 2015 ist sie für das Kunstprogramm von Parley for the Oceans (NYC) verantwortlich, im Rahmen dessen Projekte realisiert werden, die Kunst, Umweltschutz und Öko-Innovation miteinander verbinden. Gegenwärtig realisiert sie für eine New Yorker Meeresschutzorganisation Kooperationsprojekte mit zeitgenössischen Künstlern, die das Bewusstsein für die Bedrohung der Ozeane schärfen sollen.