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Tilo Reifenstein | VON DEN VERFLECHTUNGEN DER KÜNSTLERISCHEN FORSCHUNG MIT DEM SCHREIBEN ALS PRAXIS

Vortrag

Zumindest durch die bürokratische Legitimation des practice-based/-led PhDs in Universitäten ist die Erweiterung der wissenschaftlichen Forschungstätigkeiten um künstlerische Formen in Australien und im Vereinigten Königreich schon seit fast 40 Jahren verankert. Dennoch wird auch hier die ästhetisch-künstlerische Argumentation stets durch eine geschriebene Exegese oder einen andersartigen verbalen Kommentar ergänzt. Es scheint, als bräuchten die Erkenntnisformen des Künstlerischen die Rubrik des Schreibens, um wissenschaftlich qualifiziert zu werden.

Der Vortrag nimmt diese vermeintliche Zweiteiligkeit des künstlerischen Wissens – ästhetisch und verbal – zum Anlass, um über das wissensgenerierende Potential des Schreibens selbst als ästhetische, kreative, künstlerische und wissenschaftlich immerwährend notwendige Praxis nachzudenken. Die Verflechtungen der ästhetischen Arbeit von Kunstschaffenden und der der Geschichtsschreibung wurden unter anderem von Jas Elsner, Boris Groys, Christa-Maria Lerm Hayes und Hayden White untersucht. Sie weisen darauf hin, dass geisteswissenschaftliche Disziplinen im weiteren Sinne von ihren Verflechtungen mit dem ästhetisch-künstlerischen Denken des Schreibens profitieren. Das Verständnis des Schreibens als künstlerische Praxis – und nicht als neutrales Medium des Aufschreibens – bewahrt die Möglichkeit, sich „dem wissenschaftlichen Objekt“ in seiner irreduziblen Vielfalt zu nähern und es nicht im Streben nach teleologischer Linearität, Logik, Objektivität und Rationalität aufzulösen. In Anlehnung an das Werk Jacques Derridas und aktuellen Überlegungen von Juliet Fleming und Anne M. Royston behandelt der Vortrag das Schreiben von Kunstgeschichte und -theorie im Speziellen als künstlerisch-epistemische Praxis, welche durch die Untrennbarkeit ihrer Materialien und Handlungen charakterisiert ist. Schreiben verhandelt hier notwendigerweise nicht nur die Grenzen von Ästhetischem und Verbalem, sondern zeigt sich selbst als materielle, kreative Tätigkeit, die Effekte und Prozesse generiert, die sich in der diskursiven Formung von Sinnfindung und Erkenntnissen über wissenschaftliche Objekte und deren historische Kontexte manifestiert. Appellierend an eine disziplinäre Selbstreflexion, die Schreiben als wissensgenerierende und künstlerische Praxis versteht, versucht der Vortrag auch die vermeintliche, ontologische Unterschiedlichkeit von den „Objekten“ wissenschaftlicher Forschung und den Objekten, derer sich die Wissenschaft in ihrer Tätigkeit selbst bedient, zu vermeiden.

Kurzvita:
Tilo Reifenstein lehrt Kunstgeschichte und –theorie an der York St John University und Manchester School of Art. Er ist trustee und honorary secretary der Association for Art History (AAH) und Mitherausgeber (deputy editor) des Open Arts Journals (Open University).