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Annette Hermann | HIER DORT

„Herr Sehlos ist jemand, der vom Los seiner sehenden Mitmenschen ganz besonders berührt ist. Das Los des Sehens ist nämlich in der Weise auf ihn gefallen, dass er es los ist. Aber in keinster Weise bedeutet dies, dass man wiederum ihn los ist. Im Gegenteil, es geht auf vertrackte Weise los mit ihm. Ja, man könnte mit einigem Recht davon sprechen, dass er seinerseits los ist. Diese Losung des Sehens, von der er abgelöst, nicht aber erlöst ist, lässt ihn eben nicht mehr los.“(1)

Stehend, den eigenen Leib als das Hier des Raumes wahrnehmen, Qualitäten zur Sprache bringen, einen Rundgang unternehmen, Untergründe sammeln, Bodenfließe, Asphalt, Wegrand, Wiese. Aus Geräuscheindrücken das Dort des Raumes komponieren, die Aufmerksamkeit den Elementen des wahrnehmbaren Raumes zuwenden, die Sinne ineinandergreifen lassen, Halle, Rolltreppe, Stufe, Unten, Wand, Aufgang, Gleise, Stimmen, Treppe, Summen, Öffnung, Aufgang, Brummen, Lok(2).

Wie (oder als was) zeigt sich die Konstitution von Raum? Als (Unter)Brechung, Widerstand, Öffnung? Was erstaunt, trifft, irritiert, beglückt, lässt aufhorchen?(3) Wie verhält sich visuelle zu nonvisueller Raumkonstitution? Mit welchen künstlerisch forschenden Methoden kann eine solche Annäherung stattfinden? Welche Impulse gehen aus einer Beschäftigung mit (non)visueller Wahrnehmung hervor? Inwiefern führt eine künstlerisch-forschende sinnlich-körperliche Suche zu anderen Formen des Wissens und der Erkenntnis?

Im Beitrag wird gefragt, welche Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Erkenntnisweisen sich aus einer Hinwendung zu und Begegnung mit nonvisuellen Raumkonstitutionen ergeben können. Nonvisualität wird dabei nicht als das Ausgeschlossene der visuellen Kunst verstanden, sondern als ein Grenzen aufhebender Imaginationsraum der Kunst(4). Alternative ästhetische Möglichkeiten visueller Kunst können darin ausgelotet werden. Der Beitrag blickt mit einer gewissen Skepsis(5) auf die Hypertrophie des Sehens(6) und widmet sich mit Neugier dem Zwischenraum von Sehen und Nichtsehen. Im Rahmen hochschulischer Lehrformate und mit Methoden künstlerischer Forschung wird untersucht, was verschlossen bleibt, weil das Auge zuweilen im Wege steht(7).

Endnoten:
(1) Siegfried Saerberg. Nachtwanderungen mit Herrn Sehlos. http://www.siegfriedsaerberg.com/?Nachtwanderungen_mit_Herrn_Sehlos. Abgerufen am 28. Februar 2020.
(2) Siegfried Saerberg (2006). Alltagsbegegnungen zwischen einem Blinden und Sehenden. Selbstversuch eines blinden Forschers. In Gisela Hermes & Eckard Rohrmann (Hrsg.). Nichts über uns – ohne uns! Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung. Neu-Ulm: AB SPAK Bücher, S. 110-127.
(3) Judit Villiger (2019). Scheinbar Unscheinbares. Pilotprojekt für ein Reflexionsformat in der Kunstlehrer*innenbildung. In Ruth Kunz & Maria Peters. Der professionalisierte Blick. Forschendes Studieren in der Kunstpädagogik. München: kopaed, S. 190-203.
(4) Symposium 28.5.2013 an der Kunsthochschule für Medien Köln anlässlich der Kunstausstellung Art blind im Stapelhaus Köln (Kurator: Siegfried Saerberg).
(5) Diese Skepsis stützt sich auf eigene künstlerische Erfahrungen sowie auf die Ästhetik der Interpassivität bei Robert Pfaller (2008), ebd. Hamburg: Fundus und auf ein Offenheits- bzw. Pluralitätsverständnis von Kunst als Selbstverständigung bei Daniel Martin Feige (2012) ebd. Münster: mentis.
(6) Christoph Wulf (2014): Sinne. In Christoph Wulf & Jörg Zirfas (Hrsg). Handbuch Pädagogische Anthropologie. Wiesbaden: Springer. S. 103-112.
(7) Kunstausstellungen für Sehende und Blinde Schnitzel auf 8 und Blind Date in Stuttgart unter Leitung von Annette Hermann & Annette Krauß (2000).

Kurzvita:
Annette Hermann, Vertr.-Prof. Dr. phil.: seit April 2020 Vertretungsprofessur für Kunstpädagogik an der Universität Siegen; davor Juniorprofessur an der Kunstakademie Stuttgart; Studium Bildenden Kunst und Intermediales Gestalten (ebd). Künstlerische Forschung, Fotografie und Rauminstallation.